Viele natürliche und einfache Methoden erleben wieder eine Renaissance. Im Interview erklärt Biologin Karin Greiner, Referentin bei diversen Kräuterausbildungen im Bildungshaus Kloster Neustift, warum Kräuter- und Naturwissen für den Menschen so wichtig ist und was wir daraus lernen können.

Bildungshaus: Frau Greiner, das Thema Kräuter ist schon seit Jahren in aller Munde. Was ist das Besondere, das Menschen am Kräuterwissen begeistert und fasziniert?

Meiner Überzeugung nach spielen hier viele Aspekte eine Rolle. Der Mensch ist untrennbar mit der Natur verbunden und hat sich aus ihr ernährt wie geheilt. Eine Fülle von Kräutern, Früchten, Wurzeln und anderen Pflanzenteilen stellten die Lebensgrundlage über die längste Zeit der Geschichte. Durch rasante Umbrüche des Alltags – nicht nur die Landwirtschaft arbeitet heute komplett anders als noch vor wenigen Jahrzehnten – ging das Wissen um Kräuter rasch zurück. Tief im Inneren erinnert man sich aber an gewisse Kräutergerichte und so manche Kräutermedizin, die die Oma noch ganz selbstverständlich nutzte. Und das möchte man heute auch wieder wissen und anwenden.

Bestimmt sind auch ein einseitiges Angebot der Lebensmittelgeschäfte wie eine hochtechnisierte Medizin Gründe, warum sich viele Menschen wieder mehr Vielfalt und Zuwendung wünschen. Natur ist niemals eintönig, sie schenkt uns eine nie endende Fülle an Essbarem und Heilsamen. Wertschätzung von regionalen und saisonalen Produkten und Rückbesinnung auf ganzheitliche Heilkunde verstärken dies noch.

Wenn man heutzutage leichter und billiger an Papaya und Jiaogulan kommt als an Zigori (Löwenzahn) und Meisterwurz, mehr exotische Superfoods kennt als heimische Kräuter, dann fragen sich viele nach dem Sinn der Globalität. Und das Bedürfnis nach Wissen rund um die bunte Flora Südtirols steigt. Es passt zum Zeitgeist und zum Lifestyle: Zurück zu den Wurzeln – zu den Kräutern.

Ich meine zudem, dass die innige Beschäftigung mit Kräutern Tür und Tor zu einer immer größer werdenden Gemeinschaft Gleichgesinnter eröffnet. Kräutersammeln ist mehr als eine nette Freizeitaktivität, Kräuterkenntnisse zu erwerben mehr als reine Fortbildung, Kräuterverarbeitung mehr als nur Fingerfertigkeit. Der soziale Effekt sollte nicht unterschätzt werden.

Bildungshaus:  Ein Sprichwort besagt „Für alles ist ein Kraut gewachsen.“ Was gilt es zu beachten, wenn wir Kräuter und Pflanzen verwenden? Wo kann dieses Wissen erlangt werden?

Wer sich an die goldene Regel hält, nur solche Pflanzen zu verwenden, die er hundertprozentig kennt und ganz sicher über deren Einsatz und Anwendung informiert ist, geht keinerlei Risiko ein. Kräuter können bei Alltagsbeschwerden wie einer leichten Erkältung oder Magenverstimmung gut helfen, sobald sich die Lage aber nicht bald bessert oder gar ein schwereres Leiden vorliegt, geht man zum Arzt. In Absprache mit ihm können Kräuter dann immer noch unterstützend eingesetzt werden.

Nicht ganz so einfach ist es, Kräuterwissen aus Literatur und Internet zu beziehen. Für einen Laien ist es kaum ersichtlich, ob es dort wirklich gute Ratschläge gibt. Da wendet man sich besser an sachkundige Kräuterexperten mit fundierter Ausbildung. Oder man erwirbt das Wissen in einem Lehrgang, zum Beispiel bei der Multiplikatorenausbildung Kräuterpädagoge/in im Bildungshaus Kloster Neustift. Ergänzend dazu gibt es dazu auch einen Aufbaulehrgang „Heilpflanzen in der Volksheilkunde“ und weitere Seminare.

Bildungshaus:  Haben Sie einen Tipp aus der Kräuterapotheke, um gestärkt durch den Winter zu kommen?

Das Wichtigste: Raus an die frische Luft, Sonne und Wind genießen, Regen und Schnee nicht scheuen. Auch im Winter gibt es in der Natur viel zu entdecken, etwa nahrhafte Wurzeln und heilkräftige Knospen. Fichten sind fast allgegenwärtig, atmen Sie deren Duft tief ein – das ist mehr als Wellness für die Atemwege. Ein Spaziergang durch das Grün des Fichtenwalds baut Stress ab und stärkt das Immunsystem. Gehen Sie doch mal mit zum Waldbaden!

Gar nicht erst krank werden, heißt die Devise, also die körpereigene Abwehr stärken. Das geht mit einer klugen Ernährung. Rohnen beispielsweise gelten als Vitalstoffwunder. Mit ihren Vitaminen und Mineralstoffen sowie dem roten Farbstoff Betanin fördert Abtransport von Krankheitserregern aus dem Körper. Man kann sie gut mit Schwarzen Holunderbeeren kombinieren. Die Wildfrüchte sind ein altbewährtes Hausmittel, um Erkältungen vorzubeugen. Ein Saft aus Rohnen und Holunderbeeren, verfeinert mit Honig und Orangen- oder Zitronensaft, schmeckt gut und hält fit.

Demnächst starten einige Lehrgänge zu den Themen Natur, Gesundheit und Kräuter:
27.03.– 03.10.2020 Zusatzqualifikation: Lehrgang “Alpines Waldbaden – Natur tut gut”
06.05.2020 – 05.05.2021 Multiplikatorenausbildung Kräuterpädagoge*in
02.06. – 06.10.2020 Zusatzqualifikation: Lehrgang „Bäume in Küche und Heilkunde

Karin Greiner ist Biologin und Dozentin für Kräuterpädagogik und Volksheilkunde, Kräuter- und Baum-Expertin, Garten-und Pflanzenexpertin im Bayrischen Rundfunk, Buchautorin und lehrt ihr Wissen in diversen Lehrgängen im Bildungshaus Kloster Neustift.