„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ schreibt der Sozialphilosoph Martin Buber. FĂŒr ihn kann sich nur im Dialog „auf Augenhöhe“ eine wirkliche Begegnung zwischen Menschen ereignen.

Wenn Menschen sich gemeinsam auf den Weg machen, um miteinander zu lernen, zu studieren, sich fĂŒr die ZusammenhĂ€nge dieser Welt und ihres eigenen Lebens interessieren, dann beginnt Gemeinschaft. Diese ermöglicht es auch, voneinander zu lernen. Offenheit im Dialog, WertschĂ€tzung trotz verschiedener Meinungen, sind dabei gefragt und schaffen ein Klima des gegenseitigen Respekts und Wohlwollens. Bildung ist nicht nur eine private Angelegenheit. Jeder, der sich bildet und ausbildet, tut das auch, um in einem zweiten Moment sein Wissen weiterzugeben, die Welt und Gesellschaft zu gestalten und somit mitzubauen an einer Welt, die uns anvertraut ist. Im Buch Genesis heißt es unter Gen 2, 15-16: „Gott der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hĂŒte“.

Bei Bildung geht es aber nicht nur um eine reine Wissensvermittlung bzw. WissensanhĂ€ufung. Es geht auch darum, die großen ZusammenhĂ€nge in unserer Welt zu erkennen und es geht ebenso um eine Herzensbildung. Diese geht ĂŒber das reine Wissen hinaus. Sie macht uns fĂ€hig, menschlich miteinander umzugehen, mit dem Herzen zu sehen, was den Augen verborgen bleibt und somit eine Dimension zu schaffen, die ĂŒber das sichtbare und messbare dieser Welt hinausgeht. Das ist umso schwieriger, weil dafĂŒr sichtbare Beweise fehlen. Umso mehr muss es fĂŒr uns als Kirche die Aufgabe sein, Menschen dafĂŒr sensibel zu machen, dass hinter allem Gestalten und Arbeiten ein großer Plan steht, der nicht nur auf diese sichtbare Welt beschrĂ€nkt ist, sondern darĂŒber hinausgeht. Im Brief an die Philipper schreibt Paulus im Kapitel 3 „Denn unsere Heimat ist im Himmel“. Unsere Aufgabe hier wird es sein, aus unserem Leben das Beste zu machen, nicht stehenzubleiben, sondern das Lernen und die Bildung als einen wichtigen Teil im Leben zu sehen.

Der lateinische Spruch: „Non scholae, sed vitae discimus“, „Wir lernen nicht fĂŒr die Schule, sondern fĂŒrs Leben“, bringt klar zum Ausdruck, auf was es eigentlich ankommt. Das Leben ist letztlich die Schule, in der wir uns bewĂ€hren mĂŒssen, die so einiges an PrĂŒfungen fĂŒr uns bereithĂ€lt, die uns Freud und Leid schenkt, Erfolge und Niederlagen. Eine gute Bildung gibt uns das Werkzeug in die Hand, um unser eigenes Glaubens- und Lebenshaus zu bauen. Und wenn Bildung Gemeinschaft stiftet, dann können wir auch auf Menschen bauen, die uns Begleiter und Wegbereiter werden.

Das Bildungshaus Kloster Neustift versucht einen Weg zu gehen, in einem klösterlichen Ambiente den Menschen Bildungswege anzubieten und gleichzeitig hinzuweisen auf das, was „droben ist“. Möge unser Haus weiterhin offen sein fĂŒr die Fragen der heutigen Zeit, möge es weiterhin den Menschen die Möglichkeit geben, den Weg der Bildung und den der Gemeinschaft zu gehen. In einer Zeit, die keine Zeit mehr hat, mögen sich fĂŒr uns alle Oasen der Ruhe auftun, um zueinander zu finden und durch regen Austausch untereinander in der Zuversicht zu wachsen, dass wir alle zu einer Hoffnung berufen, die unser Denken ĂŒbersteigt.

H. Michael Bachmann

Chorherr und Vorstandsmitglied des Bildungshauses Kloster Neustift