Vorwort von H. Michael Bachmann, CanReg

Bildung stiftet Weitsicht

Es ist nun wieder die Zeit, wo der Berg ruft. Nicht nur der Winter, sondern vor allem auch der Sommer lädt ein, die wunderbaren Berge unserer Heimat zu besteigen und immer wieder ihre Schönheit neu zu entdecken. Klein und demütig zu werden vor dem Wunder der Schöpfung, die unserem achtsamen Umgang anvertraut ist. „Der Weg ist das Ziel“, so steigen wir aufwärts, dem Gipfel entgegen. Da soll es nicht um Zeit und Schnelligkeit gehen. Die Blume am Wegrand, die Quelle, die unseren Durst löscht, der Adler am Himmel, das alles darf uns nicht verschlossen bleiben, sondern zum bewussten Wegbegleiter werden. Am Gipfel zu stehen, den Blick weit hinausschweifen lassen über unzählige Berge und Täler, das ist der Lohn für unsere Mühen. Und wenn man dann auch noch die einzelnen Berge beim Namen nennen kann, kommt zum Schauen und Staunen auch noch das Wissen dazu. Weit zu schauen bis zum Horizont, das hat immer auch etwas mit Fernweh zu tun. Ein melancholisches Gefühl, das sich in uns breitmacht. Vielleicht ein Rest der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies…

Nicht nur die Berggipfel bieten uns Weitsicht. Auch im Alltag braucht es manchmal Weitsicht, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Es braucht den scharfen Blick und ein gewisses Gespür für Entwicklungen im Leben, um darauf richtig reagieren zu können. Scharfer Blick und das richtige Gespür sind Teil unseres Charakters, unserer Person, können aber durch Bildung weiterentwickelt werden.

Der Satz „Bildung stiftet Weitsicht“ möchte uns ermutigen, uns nicht nur mit dem status quo zufrieden zu geben, sondern unsere Fähigkeiten durch Bildung weiter auszubauen. Es ist vergleichbar mit einem Haus. Das Fundament ist gelegt: die Begabungen in uns. Darauf aber muss weitergebaut werden. Das Fundament allein ist zu wenig, ist noch kein Daheim. Heimat und Daheim sein ist dann, wenn mein Sein in dieses Haus hineinfließt, meine Kreativität, meine Gefühle. Auch meine Wünsche der Umgestaltung, der Erneuerung. Denn auch das ist manchmal notwendig und beweist Unternehmergeist, Flexibilität und Mut, sich auf Neues einzulassen und Altes sein zu lassen. Ein gebildeter Mensch ist ein geformter Mensch, geformt durch das Leben, seine Erziehung, seine Entscheidungen – ob sie nun richtig waren oder nicht – aber auch geformt durch seinen eigenen Willen, aus dem Leben etwas zu machen, sich zu bilden, weiterzubilden.

So ist und bleibt Bildung ein Gebot der Stunde. Erziehung und Bildung enden nicht beim Auszug aus dem Elternhaus, sondern gehen weiter. „Non scholae, sed vitae discimus“, das wussten schon die alten Römer. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“. Lernen, sich bilden und etwas aus dem Leben zu machen, das spricht schon Jesus in seiner Verkündigung an. Als er den Diener, dem er das eine Talent anvertraut hatte, zur Rechenschaft zog, weil dieser es eingrub und nichts daraus machte, lädt Jesus uns ein, nach Möglichkeiten das Beste aus unserem Leben zu machen. Das ist unsere Verantwortung, durch uns die Welt zum Guten zu verändern. Ich wünsche Ihnen dazu, liebe Besucher und Besucherinnen unseres Bildungshauses, den Atem Gottes, der lebendig macht und lebendig hält.

Mag. H. Michael Bachmann, CanReg
Pfarrer der Pfarreien Kiens, Ehrenburg, St. Sigmund und Pfalzen und Vorstandsmitglied des Bildungshauses Kloster Neustift