Baugeschichte des Stifts

Die Klosteranlage besteht aus einer Vielzahl an Gebäuden, an denen sich die Entwicklung des Stiftes im Lauf der Jahrhunderte anschaulich nachvollziehen lässt. Wie Jahresringe haben sich die Bauwerke um das Zentrum der Anlage, die Klosterkirche und der Kreuzgang, gelegt.

Über die ursprüngliche Anlage, die laut Überlieferung innerhalb des Jahres 1142 errichtet worden sein soll, ist wenig bekannt. Die nach der großen Feuersbrunst 1190 unter Propst Konrad II. von Rodank errichtete zweite Klosteranlage ist hingegen in ihren Grundzügen bis heute erhalten. Die dreischiffige Klosterkirche samt Turm reichen ebenso wie der Kreuzgang mit den umliegenden Bauten ins ausgehende 12. Jahrhundert zurück. 1198 erfolgte die Weihe der neu errichteten Stiftskirche, im selben Jahr wurde auch die Hospizkapelle im zweigeschossigen Rundbau am Südeingang des Stifts geweiht.

Für die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts lassen sich archivalisch mehrere Altarweihen, Ausmalungen sowie der Bau einer ersten Umfassungsmauer nachweisen; erhalten geblieben sind allerdings nur einige Wandmalereien an der Süd- und Westseite des einst mit einem Pultdach versehenen Kreuzgangs aus der Zeit um 1330/40.

Wenige Jahrzehnte später setzte mit Propst Konrad V. (1367-1379) die gotische Bautätigkeit in Neustift ein. Er führte einschneidende Umbauarbeiten durch und ließ sowohl die ursprünglich flachgedeckte Basilika als auch den Kreuzgang einwölben.

Propst Leonhard Pacher (1467–1483) wollte das Werk seiner Vorgänger fortsetzen und die romanische Stiftskirche vollends gotisieren. Gebaut wurden jedoch nur das 1482 geweihte Presbyterium sowie die daran anschließende Sakristei. Aufgrund der drohenden Türkengefahr hat man mit den für den Kirchenumbau vorgesehenen Geldmitteln stattdessen die Stiftsanlage mit einer Mauer umgeben, die auch die umliegenden Weinberge und den westlichen Gartenbereich miteinschloss. Propst Lukas Härber (1483–1503) sorgte schließlich dafür, dass die Stiftsanlage nach Süden hin einen befestigungsähnlichen Charakter erhielt, indem er die Michaelskapelle mit Zinnen, Scharten und einem Rundturm versehen ließ.

Die zahlreichen Baumaßnahmen wurden durch die Plünderungen und Verwüstungen des Bauernaufstandes von 1525 jedoch schlagartig gestoppt. Unter Propst Hieronymus Piesendorfer (1542–1561) konnte die stark beschädigte Michaelskapelle restauriert und neu geweiht werden, größere bauliche Veränderungen setzten aber erst 100 Jahre später wieder ein.

Als das Stift 1636 von der Pest heimgesucht worden war, ließ Propst Markus Hauser (1621–1665) als Reinigungsmaßnahme den Kreuzgang und die Stiftskirche mit Kalk übertünchen – mit der Folge, dass die zahlreichen farbenfrohen Malereien darunter verschwanden. Als fürsorglicher Propst errichtete er im Süden Richtung Garten neue Wohnräume für die Chorherren und stattete diese mit aufwändig dekorierten Holzdecken und schön gestalteten Fenstern und Türen aus. Ob Markus Hauser auch die Prälatur im Norden des Stiftshofes um ein Stockwerk erhöhte oder ob diese Umgestaltung erst unter seinem Nachfolger Hieronymus Rottenpuecher (1665–1678) erfolgte, ist nicht eindeutig geklärt. 1669 wurde der Ziehbrunnen in der Mitte des Stiftshofes umgestaltet: Das 1508 errichtete Marmorbecken wurde mit einem achteckigen Pavillon überbaut, dessen Giebelfelder die Sieben Weltwunder der Antike sowie das Stift selbst zeigen. Der Brunnen, der bis heute alle Besucher fasziniert, führt uns das damalige Selbstbewusstsein des Stiftes deutlich vor Augen.

Mit Propst Fortunat Trojer (1678–1707) setzte schließlich die Barockisierung des Stiftes ein, der es im Wesentlichen sein heutiges Aussehen verdankt: Er ließ den Südtrakt um ein Stockwerk erhöhen und einen zweigeschossigen Festsaal mit Stuckdecke im Südosteck errichten. Die 1455 geweihte Pfarrkirche zur hl. Margareth im Norden der Stiftsanlage erhielt 1687 einen neuen Turm; die gotische Gnadenkapelle wurde 1695/96 durch einen Zentralbau ersetzt und durch Kaspar Waldmann aus Innsbruck reich freskiert. Sein Nachfolger, Propst Augustin Pauernfeind (1707–1721), widmete sich der Neugestaltung der Prälatur und dem Umbau des Westflügels, der schließlich unter seinem Nachfolger beendet wurde. Mit Propst Anton Steigenberger (1737–1767) setzte die Neugestaltung der Stiftskirche ein: Die Baumeister Josef Delai und Georg Philipp Apeller schufen einen lichtdurchfluteten Raum, der mit Fresken von Matthäus Günther aus Augsburg und Stuckaturen von Anton Gigl, dem wichtigsten Vertreter der Wessobrunner Schule ausschmücken. Seither zählt die Kirche zu den schönsten spätbarocken Kirchen im süddeutschen Raum.

Propst Leopold de Zanna (1767–1787) ließ schließlich im Süden des Stiftshofes einen Neubau mit einem zweigeschossigen Bibliothekssaal erbauen.

In der darauffolgenden Zeit wurden keine ähnlichen Um- und Neubauten mehr durchgeführt, vielmehr standen Instandhaltungs- und Restaurierungsarbeiten im Vordergrund. So wurde u. a. die Stiftskirche 1895/96 aufwändig restauriert, 1901 folgte die Michaelskapelle. Nach einem Brand der Ökonomiegebäude im Nordwesten der Anlage 1907 wurde ebendort das Singknabeninstitut errichtet (heute Schülerheim). Bombentreffer 1943 erforderten eine aufwändige Renovierung der Gnadenkapelle sowie des Glockenturms.

Erst unter Propst Chrysostomus Giner (1969–2005) wurden wieder größere Umbauarbeiten durchgeführt: Er ließ Teile des Westflügels des Klosterhofes zu einem Bildungshaus mit Seminarräumen und Zimmern umbauen, richtete im ursprünglichen Refektorium sowie in den Kellerräumlichkeiten des Konventgebäudes ein Museum ein und verlegte den Stiftskeller. Sein Nachfolger Propst Georg Untergaßmair (2005–2015) ließ notwendige Adaptierungen in den Zimmern der Chorherren und im Schülerheim durchführen. Daneben sind laufende Instandhaltungsmaßnahmen – in den vergangenen 30 Jahren wurden fast alle Dächer neu gedeckt – und Restaurierungsarbeiten unumgänglich, um dieses große bauliche und künstlerische Erbe auch für die nächsten Generationen zu erhalten.