Singknaben- und Singspieltradition im Kloster Neustift

Musik und Gesang spielten im Kloster Neustift schon seit der Gründung 1142 eine wesentliche Rolle. Mit Begeisterung und Einsatz üben heute die Singknaben des Schülerheimes Kloster Neustift an einem Singspiel, das im Mai zur Aufführung kommt. Damit werden nicht nur Musik und Theater miteinander verbunden, es wird damit auch eine jahrzehntelange Tradition wieder ins Leben gerufen.

 

Oswald von Wolkenstein und Max und Moritz im Kloster Neustift

 

„Mit den Singknaben und der Wiederaufnahme der Singspieltradition, mit der Beschäftigung mit Musik und Gesang, gibt es nunmehr mit den weiteren Schwerpunkten der religiösen Angebote, mit Bewegung und Sport, Digitalen Medien und Kreativität ein breites Spektrum an Möglichkeiten für die Fähigkeiten, Stärken und Talente der Buben im Schülerheim“, erklärt Heimleiter Heinz Torggler.

Die Tradition der Singknaben bzw. der Singspiele reicht weit in die Geschichte des Klosters Neustift zurück. Schon seit den Anfängen haben Schüler der Klosterschule gemeinsam gesungen, Messfeiern gestaltet und verschiedene weltliche und geistliche Theater und Musikstücke aufgeführt. Dieses musikalische Erbe wurde 2015 neu aufgegriffen und soll nun mit neuem Leben gefüllt werden. Die Heimleitung fand dabei im Organisten des Stiftes, Benedikt Baldauf, einen neuen Chorleiter für die Singknaben. In einem Auswahlverfahren wurden aus den Buben des Schülerheimes rund 15 von ihnen für die „Singknaben“ ausgewählt.

2018 wurde ein Singspiel im Schülerheim Neustift zur Aufführung gebracht. Singspiele sind Theaterstücke mit musikalischen Partien, die sowohl von weltlichen als auch von geistlichen Stücken handeln können. Chorleiter Baldauf schrieb das Stück selbst und komponierte die Musik dazu. Im vergangenen Jahr stand die Geschichte des Oswald von Wolkenstein im Vordergrund. „Heuer planen wir ein weiteres Singspiel. Es werden einige Streiche von Max und Moritz zur Aufführung gebracht, natürlich spielen diese Streiche im Kloster Neustift“, erzählt der Chorleiter. Neben dem dramatischen Aufbau wird auch, wie bei den ursprünglichen Singspielen, die Musik eine wichtige Rolle spielen und durch das Stück führen. „Mein Ziel für die Zukunft ist es, Musik als Teil des Schülerheimes wieder fest zu verankern, dabei greife ich auch gerne auf Werke und Stücke zurück, die hier im Stift entstanden sind. Natürlich soll durch verschiedene Auftritte der Gesang der Schüler verfeinert und insgesamt die Attraktivität des Chorsingens in den Mittelpunkt gerückt werden“, so Baldauf abschließend.

    

Pflege des Gesangs hat lange Tradition

 

„Musik vor allem die Pflege des Gesanges spielte im Kloster Neustift schon immer eine große Rolle“, erklärt der heutige Chorleiter der Singknaben, Benedikt Baldauf.

Seit dem 13. Jahrhundert sind Mysterienspiele in Neustift nachweisbar. Diese wurden von Klosterschülern aufgeführt. Mysterienspiele sind mittelalterliche Theateraufführungen mit gesanglichen Einlagen. Neben Rechnen, Lesen, Schreiben und Latein, war schon damals der (Chor-)Gesang ein wichtiges Unterrichtsfach. Dies zum einen weil Musik und Gesang bei den Augustiner-Chorherren eine herausragende Rolle einnahm und es zum anderen notwendig war für die liturgische Praxis. 1816, nach den Jahren der Säkularisierung, wurde ein „Singknabeninstitut“ zur Förderung von Gesang und Musik im Kloster eingerichtet. Bedeutende Musiker sind dabei unter anderem mit Ignaz Mitterer, Vinzenz Goller und Josef Gasser hervorgegangen. Aufbauend auf die Mysterienspieltradition ist in dieser Zeit nach der Säkularisation (wieder) eine Tradition des Singspiels in Neustift nachweisbar. Auch diese reicht vermutlich weiter zurück. Ein Singspiel ist wiederum Theater mit Gesang kombiniert, wobei es verschiedene Varianten der Aufführungspraxis gibt. Das Singspiel hat im Vergleich zum Mysterienspiel auch weltlichen Inhalt und wird außerhalb der Kirche aufgeführt.

Zu einem Höhepunkt gelangte das Singspiel dann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem bekannten Neustifter Stiftskapellmeister Josef Gasser. Nachdem er 1922 seine Tätigkeit in Neustift aufnahm, übernahm er gleichzeitig die Leitung der Singknaben. Diese gestalteten unter seiner Leitung an jedem Werk- und Sonntag Gottesdienste und liturgische Feiern mit, sangen bei Schulfesten und verschiedenen feierlichen Anlässen. Wenn die Auswahl der Singknaben seinen Vorstellungen entsprach, führte er Singspiele auf, die von den Buben mit großem Interesse und großer Begeisterung angenommen wurden. Verschiedene Singspiele von Gasser sind heute noch bekannt und im Besitz des Klosters, unter anderem „Rübezahl“, „Geisterschloss“ oder „Die Prüfung“. Aus dieser Gruppe von Singknaben bildeten sich schließlich auch die ersten Neustifter Sternsinger. Bis heute ziehen Männer des Männerchores Neustift alle zwei Jahre als Könige und Diener durch das Dorf und verkünden singend die Geburt des Herrn. Nach dem Tod Josef Gassers übernahm der Chorherr Martin Peintner die Leitung der Singknaben und führte diese Tätigkeit bis in die 1980erJahre weiter.