Mit der feierlichen Gestaltung der Liturgie und des gemeinsamen Chorgebetes versuchen die Chorherren, dem Ordensideal des hl. Augustinus seit der Gründung des Stiftes Neustift im Jahre 1142 zu entsprechen. Bereits in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurde von Propst Konrad II. von Rodank (1178–1200) die Singknabenschule begründet. Sämtliche liturgische Feiern der Chorherren – auch alle Chorgebete – wurden von den Singknaben mitgestaltet. Zunächst wurde nach Neumen gesungen, ab dem 14. Jahrhundert setzte sich die Notation auf Notenzeilen durch. Die liturgischen Bücher, darunter auch die Musikbücher, wurden mit größter Sorgfalt in der stiftseigenen Schreibstube hergestellt. Heute noch kann man in der Stiftsbibliothek solche Gradualien bewundern.

Die Singknabenschule überdauerte die Jahre bis zur Säkularisation des Stiftes im Jahre 1807. Unmittelbar nach der Wiedererrichtung des Stiftes im Jahre 1816 wurde mit dem sogenannten Singknabeninstitut wiederum eine Klosterschule eingerichtet. Diese rasche Eröffnung war nicht zuletzt das Verdienst des damaligen Stiftskapellmeisters H. Wilhelm Lechleitner.

Lechleitner, geboren 1779, stammte auch Stanzach im Lechtal. Nach seiner Priesterweihe war er zunächst Kooperator in Olang. 1807 kehrte er als Stiftskapellmeister ins Stift zurück. Allerdings erfolgte noch im selben Jahr die Aufhebung des Stiftes und das rege Musikleben fand ein jähes Ende. Nach der Wiedererrichtung neun Jahre später musste Lechleitner, das Musikleben im Stift wieder neu aufbauen: Das Notenarchiv war leer, die Schüler wenige und die Geldmittel sehr knapp. So besorgte er sich Noten, schrieb sie ab und komponierte auch selbst einige Werke. Sein bekanntestes Werk ist wohl die Pastoralmesse mit deutschen Einlagen. Für besondere Aufführungen, u. a. mit Orchester, holte er sich Verstärkung aus Brixen. Lechleitner starb 1827 im Alter von 48 Jahren.

Aus dem Singknabeninstitut, in dem der Musikunterricht an erster Stelle stand, gingen einige namhafte SĂĽdtiroler Komponisten hervor: Ignaz Mitterer, Vinzenz Goller und Josef Gasser, um nur die drei bekanntesten zu nennen.

1922 wurde der aus Lienz stammende Josef Gasser (1873–1857) zum Stiftskapellmeister nach Neustift berufen. Das Musikleben im Stift erfuhr durch ihn eine neue Blüte.

1882 kam Gasser nach Neustift in das Singknabeninstitut und erhielt dort seine erste musikalische Ausbildung in Gesang, Geige, Klavier und Orgel. Nach Studien an der Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck ĂĽbte er fĂĽr kurze Zeit den Lehrerberuf in Haringsee bei Wien aus. In dieser Zeit lernte er das Musikleben der Stadt Wien kennen und machte u. a. Bekanntschaft mit Anton Bruckner und Johannes Brahms. Vom Lehrerberuf war er jedoch wenig ĂĽberzeugt, sodass er 1898 ein Kirchenmusikstudium an der Kirchenmusikschule in Regensburg begann.

Nach Abschluss seiner Studien war Gasser zehn Jahre lang Chorregent und Organist in Kaltern, zugleich war er auch Chormeister der dortigen Liedertafel. Erste Kompositionen entstehen in dieser Zeit.

1908 wurde Gasser als Stiftskapellmeister nach Wilten berufen. Auch dort profitierte der Chor von seinen Fähigkeiten. Weiters war er als Bratschist im städtischen Orchester tätig, unterrichtete Orgel, Klavier, Gesang, Geige und Viola und komponierte zahlreiche Werke.

Nach dem Ersten Weltkrieg war der Personalstand der Augustiner Chorherren im Kloster Neustift so knapp, dass es nicht mehr möglich war, die Stelle des Stiftskapellmeisters aus den eigenen Reihen zu besetzen. Es war der Südtiroler Komponist Vinzenz Goller, der die Chorherren auf Josef Gasser aufmerksam machte, der dann im Jahre 1922 als Stiftskapellmeister nach Neustift berufen wurde.

Als Musiklehrer in der Klosterschule unterrichtete Gasser Gesang, Klavier, Geige, Gitarre und Zither. Eigens für die Singknaben komponierte Singspiele zeugen von der großen Bedeutung, die er den Singknaben beigemessen hat. Die Singknaben erlebten unter seiner Leitung einen ungeahnten Aufschwung. Am meisten bestaunt wurde Josef Gasser als Improvisator, denn zeitgenössischen Quellen zufolge waren seine Improvisationen einmalig.

In der Zurückgezogenheit des Klosters komponierte er zahlreiche Werke, darunter seine zwei Hauptwerke: die „Missa solemnis“ und das „Te Deum“, welche anlässlich der 800-Jahr-Feier des Klosters vom Brixner Domchor uraufgeführt wurden. Im Kloster Neustift war Josef Gasser bis zu seinem Tod im Jahre 1957 tätig.

H. Martin Peintner führte die Tradition noch einige Jahre weiter. Das Singknabeninstitut wurde in den 1960er Jahren aufgelöst. Seitdem befindet sich im Stift eine Mittelschule mit Schülerheim, wo seit einigen Jahren an die Tradition der Singknaben wieder angeknüpft wird.