Land- und Forstwirtschaft im Kloster Neustift

Schon seit der Gründung des Klosters 1142 spielte die Land- und Forstwirtschaft eine wesentliche Rolle. Die Besitzungen, die durch Stiftungen, Schenkungen und Käufe erworben wurden, dienten der Selbstversorgung und des Anbaus verschiedenster Pflanzen und Lebensmittel. Auch heute stellt die landwirtschaftliche Tätigkeit einen wesentlichen Teil der wirtschaftlichen Beschäftigung im Kloster Neustift dar. Dabei ist der Gedanke der Selbstversorgung aktueller denn je.

Die Landwirtschaft ist ein wesentlicher Bestandteil des klösterlichen Lebens – damals wie heute. „Das Kloster Neustift ist ein landwirtschaftlich geprägtes Kloster“, unterstreicht Stiftsverwalter Fabian Schenk. Diese Tatsache unterscheide es klar von anderen Klöstern im deutschsprachigen Raum, die weit weniger stark an die Landwirtschaft gebunden sind. Bereits bei der Gründung des Stiftes wurde es mit verschiedenen Gütern und Landwirtschaften ausgestattet. Auch Bischof Hartmann schenkte dem Kloster verschiedene Güter, unter anderem in Rödensberg bei Rasen, in Karnol, Lüsen, Buchenstein, Villanders und Latzfons. Im ältesten Urbar des Stiftes (1278) ist von dem weit gestreuten Besitz die Rede, der an Personen verliehen wurde, die für die Nutzung der Güter Naturalien und Geld an das Kloster lieferten. Zu den Naturalien zählten etwa Korn, Wein, Obst, Vieh und dessen Produkte, Käse und Bergbauerzeugnisse. „Die Landwirtschaft bildet seit jeher die wirtschaftliche Grundlage des Klosterlebens. Sie schafft das notwendige Rückgrat für weitere Tätigkeiten“, unterstreicht Eduard Fischnaller, Propst des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift.

Obst- und Weinbau

Heute prägen vor allem der Obst- und Weinbau die Landwirtschaft in Neustift. Landwirtschaftliche Tätigkeit erfolgt am Betrieb in Neustift und am Marklhof in Girlan. In Neustift umfasst der Obstanteil circa 13 Hektar (ha), im Marklhof werden auf 9 ha Äpfel angebaut. Bei dem angebauten Obst handelt es sich vorwiegend um Clubsorten wie Kanzi, Envy, Yello und Ipador. Außerdem werden auch Fuji, Granny Smith, Gala und Red Delicious geerntet. Die Äpfel werden an die Genossenschaft Laurin geliefert, die die weitere Verarbeitung und den Verkauf vorantreibt. Einige Mengen werden für die Verarbeitung zu Apfelsaft und Apfelringen verwendet. Diese werden anschließend im Klosterladen bzw. über den Online-Handel verkauft.
Unter den Gütern, die Reginbert von Säben bei der Gründung des Klosters Neustift stiftete, waren auch Weinberge. Dieser Besitz wurde dem Kloster bereits 1177 von Papst Alexander III. bestätigt. Im Laufe der Jahrhunderte erwarb es einen ansehnlichen Besitz an Weinbergen; bis zum heutigen Tag ist das Kloster von Weinbergen umgeben. In Neustift werden heute ausschließlich Weißweinsorten angebaut, während am Marklhof vor allem Rotweine kultiviert werden. Die in Neustift angebauten Sorten sind Sylvaner, Ruländer, Riesling, Gewürztraminer, Kerner, Müller Thurgau und Sauvignon, auf dem Marklhof werden hingegen vor allem Blauburgunder, Vernatsch und Rosenmuskateller
kultiviert. Das Augenmerk auf dem Weingut „Mariaheim“ in Bozen liegt auf der Anpflanzung des Lagreins. Die Weintrauben werden in Neustift zum Wein ausgebaut. Insgesamt werden in Neustift auf 6 ha Weinbau betrieben, während die Fläche auf dem Marklhof 16 ha beträgt. Für die Landwirtschaft Neustift zeichnet Bereichsleiter Martin Leiter verantwortlich. Hanspeter Hafner ist verantwortlich für die Landwirtschaft am Marklhof und in Bozen.

Wald, Jagd und Almen

1235 wurde die erste Schenkung eines großen Waldes für das Kloster Neustift verzeichnet: Bischof Heinrich IV. von Brixen schenkte dem Kloster einen Wald auf dem Berg Nannes bei Grasstein, damit die Chorherren den großen Mangel an Brennholz beheben konnten. Heute besitzt das Kloster Wälder in Riol (Gemeinde Franzensfeste) und in Schalders (Gemeinde Vahrn). Bereits im 14. Jahrhundert beinhaltete das Traditionsbuch Grenzangaben dieser Wälder. Der Komplex Riol weist heute eine Größe von 750 ha auf, jener in Vahrn ist 350 ha groß. Die forstwirtschaftlichen Arbeiten werden heute vom Betriebsleiter Peter Tauber überwacht. Das Holz des Waldes wird am Stock verkauft,
das Brennholz wird für die klostereigene Hackschnitzelanlage verwendet. Ein 10 Jahre gültiger Waldwirtschaftsplan regelt den jährlichen Hiebsatz und die forstlichen Pflegemaßnahmen. Vorherrschend ist in beiden Gebieten die Fichte, gefolgt von Lärche, Zirm und Tanne. Zum Klosterbesitz in Neustift gehören auch die bekannten „Schrüttenseen“, die jährlich viele Wanderer anziehen. Diese hochalpine Gegend wird allerdings vom Kloster nicht wirtschaftlich genutzt. Zum Schalderer Klostergebiet ist weiters der Hof „Steinwendt“ zu zählen, der verpachtet wurde. Früher diente er den Chorherren auch zur Sommerfrische.

In Riol gibt es ein wahres Kleinod, ein „grünes Auge“: Nach dichtem Wald öffnet sich das Bäumemeer und gibt 15 ha Grünland frei, auf denen vor vielen Jahren 5 Höfe errichtet worden waren. Heute sind sie unbewohnt, allerdings schwebt der Klosterleitung bereits
eine Nutzungsidee für dieses Gebiet vor. „Ganz im Sinne der Gründer des Klosters könnte in Riol wieder eine Möglichkeit für Selbstversorgung errichtet werden“, erklärt Stiftsverwalter Fabian Schenk. Die Jagden, eine für Riol und eine für Schalders, wurden verpachtet. Im Jagdkalender Südtirols ist der genaue Abschussplan der jeweils zu bejagenden Wildarten festgelegt, wobei dieser jährlich von entsprechenden Kommissionen genehmigt werden muss. In den Klosterwäldern finden sich Rehe, Rotwild,
Gams- und Niederwild. Das Jagdgebiet entspricht dabei dem Waldkomplex.
Seit kurzem wird im Klosterladen auch Honig angeboten. Die Bienen werden von Imker Willi Überbacher nach Riol, Schalders und Girlan (Marklhof) gebracht. Der gewonnene Honig kann als Blütenhonig, Gebirgshonig oder Waldhonig (nicht jährlich) erworben werden.
Anhand der landwirtschaftlichen Entwicklungen, Vergangenheit wie Gegenwart, wird deutlich, dass sich die Landwirtschaft mit der Zeit wandelte. „War vor einigen Jahrzehnten noch Viehhaltung vorherrschend, so erleben wir nun einen Anstieg bei Wein und Obstanbau“, schildert Schenk. Wie alle Bereiche passt sich auch die Landwirtschaft der Zeit an und verändert sich. Die Landwirtschaft ist ein Spiegel der gesellschaftlichen und demografischen Entwicklung.
Dies zeigt sich auch in der Geschichte des Klosters: Wirtschaftszweige wurden aufgelassen, neue ins Leben gerufen und genutzt.
Die Zeichen der Zeit erkennen und den eigenen Weg finden, dies war und ist Handlungsmaxime der landwirtschaftlichen Tätigkeit im Kloster Neustift.

Headerbild Apfelsaft