Interview mit Elisabeth Peschek-Tomasi, Naturpädagogin und Ökologin

BHN: Wie wirkt Natur?

Peschek-Tomasi: Natur wirkt – auf unser Wohlbefinden ebenso wie auf unsere körperliche und geistige Gesundheit. In der Natur gelingt vieles scheinbar wie von selbst: Sie hilft uns zu entspannen, abzuschalten, den Kopf frei zu bekommen. Das weiß (fast) jede*r. Dass man diese und andere positive Wirkungen der Natur auf Körper, Geist und Seele auch nachweisen kann, ist nicht so bekannt. Laut aktuellen Forschungsergebnissen tut uns der Aufenthalt in der Natur nicht nur gut, er ist sogar wesentlich für unser Wohlbefinden und unsere (geistige) Gesundheit. Studien konnten zeigen, dass sogar schon der Anblick von Grünflächen oder die Anwesenheit von Pflanzen in einem Raum die Konzentration und das Wohlbefinden fördern können.

BHN: Wieso soll man (mit den Kindern) in die Natur gehen?

Peschek-Tomasi: Die Natur fördert die Kinder auf vielfältige Weise: Es werden nicht nur motorische und sensorische Fähigkeiten geschult und trainiert, auch die Kreativität, das Konzentrationsvermögen, das Selbstbewusstsein und soziale Kompetenzen werden gefördert – und das ganz nebenbei auf spielerische Weise.

BHN: Und wenn es in der Nähe des Wohnortes weder Wald noch Bach gibt?

Peschek-Tomasi: Was genau unter Natur zu verstehen ist, in der Kinder ihre Erfahrungen sammeln können, ist nicht auf den unberührten Wald oder den naturnahen Gebirgsbach beschränkt. Auch eine Pfütze am Weg, die Hecke hinter dem Zaun oder eine aufgelassene Schottergrube können für die Kinder Erfahrungswelten sein, in der sie kreativ sein können, ganz sie selbst sein können, im Spiel versinken oder sich nach Herzenslust austoben können. Kinder spüren das ohnehin intuitiv, indem sie sich auch für scheinbar unscheinbare Dinge oder Orte begeistern und interessieren können, es muss nicht immer der ästhetisch ansprechende Park oder die berühmte Blumenwiese sein.

BHN: Wozu braucht es Naturvermittler?

 

Peschek-Tomasi: Naturpädagogen stellen eine Verbindung zwischen den Menschen und der Natur her, indem sie den Spaß am draußen Sein vermitteln. Spielerisch, der jeweiligen Zielgruppe angepasst und unter Einbezug aller Sinne wird die Natur erfahrbar und erlebbar gemacht. Naturpädagogen verstehen sich als Vermittler, als Möglichmacher, als Unterstützer, indem sie Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Natur (wieder) näher bringen.

Vor allem in der Arbeit mit Kindern steht hier das freie Spiel, das selbständige Entdecken und Erfahrungen sammeln im Vordergrund. Oft braucht es nur wenig Input, um den Bezug zur Natur mit ihren vielfältigen Reizen und Möglichkeiten wieder herzustellen.

Das Bildungshaus Kloster Neustift bietet ab März 2021 einen Naturpädagogik-Lehrgang an. Dieser soll Methoden vermitteln, wie man Jung und Alt in der Natur begleitet, das Interesse für die Natur weckt und so zum Wohlbefinden von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen beitragen kann. Die Naturvermittlung mit ihren unterschiedlichen Teilbereichen ist mehr und mehr im Kommen, in der Gesellschaft immer mehr nachgefragt.

 

BHN: Haben Sie einen Tipp für den nächsten Familienausflug?

Peschek-Tomasi: Um mit der Familie eine schöne, bereichernde Zeit in der Natur zu verbringen, braucht es weder ein Event noch einen Abenteuerpark. Gehen Sie mit wachen Augen hinaus, lassen Sie sich auf das Tempo der Kinder ein. Kinder wissen intuitiv, was ihnen gefällt, womit sie spielen wollen, wo es etwas zu erforschen und beobachten gibt. Mit genug Zeit, ein bisschen Fantasie und wenig bis keinen Materialien kann man eine feine Familienzeit draußen verbringen.

Sammeln Sie mit den Kindern besondere Steine, die Sie dann zu Türmchen aufbauen. Oder Sie veranstalten einen Tschurtschen-Weitwurf, lassen ein selbstgebasteltes Rindenschiffchen im nächsten Bach schwimmen. Beobachten Sie Käfer, Ameisen, Schmetterlinge – wohin sind sie unterwegs? Was machen sie? V.a. kleine Kinder lieben es, Dinge zu sammeln. Warum nicht zum nächsten Spaziergang einen kleinen Kübel mitnehmen, in dem die Kinder Blätter, Kastanien, Steinchen sammeln können? Größere Kinder bauen gerne Höhlen und Unterschlupfe.

Abschließend noch ein kleiner Tipp aus der Praxis: Nehmen Sie sich genug Zeit, lassen Sie sich auf das Spiel der Kinder ein. Ziehen Sie die Matschhose oder eine alte Hose an, die auch dreckig werden darf. Für neue Ideen und Anregungen können Sie auch in Büchern und online schmökern. Sie werden mit glücklichen, stolzen und vielleicht etwas schmutzigen Kindern belohnt.

Zum Lehrgang “Naturpädagogik”