GrĂĽndung

 

1140 wurde Hartmann, der seit 1133 dem Augustiner Chorherrenstift Klosterneuburg bei Wien als Propst vorstand, zum Bischof von Brixen gewählt. Er sollte die Reformbestrebungen seines Vorgängers Reginbert fortsetzen und dem Brixner Klerus zu neuem Aufschwung verhelfen. Es ist nicht überliefert, warum Hartmann nicht nach dem Vorbild Salzburgs die Domherren selbst zu einem Leben nach der Augustinusregel verpflichtete, sondern stattdessen bereits zwei Jahre nach seiner Amtseinführung nur drei Kilometer von seinem Bischofssitz entfernt ein neues Kloster gründete: Neustift. Am Sonntag vor Allerheiligen 1142 weihte er die neu errichtete Stiftskirche. Zugleich erfolgte auch die erste Ausstattung des Stiftes mit Gütern durch Reginbert von Säben und dessen Frau Christina. Im Frühjahr des darauffolgenden Jahres stellt Papst Innozenz II. eine Bestätigungs- und Schutzbulle für Neustift aus; 1157 nahm auch Kaiser Friedrich I., dessen Beichtvater Hartmann war, das Kloster unter seinen Schutz.

Im selben Jahr schenkte Hartmann dem Stift die Pfarrei Natz, in deren Gebiet das Kloster lag. Die Seelsorge wurde vom Augenblick der Inkorporation der Pfarre an direkt vom Stift aus wahrgenommen. Um 1160 Jahr ĂĽbergab Bischof Hartmann auch die Pfarrei Kiens den Chorherren von Neustift.

 

 

Mittelalter

 

Knapp fünfzig Jahre nach seiner Gründung erlebte Kloster Neustift eine erste Katastrophe: Am 17. April 1190 zerstörte ein Brand die Klosteranlage. Doch unter der umsichtigen Leitung des äußerst kunstinteressierten Propstes Konrad II. von Rodank (1178–1200) wurde sie binnen weniger Jahre wieder aufgebaut. Bereits 1198 konnte die Stiftskirche erneut geweiht werden. In dasselbe Jahr datiert auch die Weihe der neu errichteten Hospizkapelle zum Hl. Erlöser, die sich im Obergeschoss des Rundbaus am Eingang des Stifts befand (heute Michaelskapelle bzw Engelsburg).

Durch zahlreiche Schenkungen und Stiftungen von Seiten reicher Wohltäter wirtschaftlich abgesichert, konnte sich das Stift schon bald als geistiges und kulturelles Zentrum mit Strahlkraft weit über die Klostermauern hinaus etablieren. Zudem konnten sich die Chorherren verstärkt der feierlichen Liturgie und Seelsorge widmen: 1221 erhielt Neustift das Patronatsrecht über die Pfarrei Olang. Die Inkorporation der Pfarrei Völs am Schlern erfolgte 1257 und die Pfarrei Assling wurde 1261 von den Erzbischöfen von Salzburg dem Stift übergeben.

In der zweiten Hälfte des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts erlebte Kloster Neustift eine Zeit der höchsten Blüte. Davon zeugt nicht nur der Bau eines eindrucksvollen spätgotischen Hallenchors mit seinem charakteristischen steil aufragenden Dach, auch die zahlreichen prachtvollen gotischen Altartafeln, die von den renommierten Künstlern jener Zeit, u. a. Michael und Friedrich Pacher, der Meister von Uttenheim und Max Reichlich, geschaffen wurden und heute im Stiftsmuseum zu sehen sind, legen beredtes Zeugnis hiervon ab. In der klostereigenen Schreibstube entstanden in jenen Jahren zudem äußerst reich mit Miniaturen versehene Handschriften, die auch die Besucher von heute noch in Staunen versetzen. Der Chorherr Friedrich Zollner schuf zwischen 1439 und 1446 zwei großformatige Gradualbände, die jahrhundertelang im Einsatz sein sollten, Stephan Stetner ein Missale, das Ende des 19. Jahrhunderts in der Weltausstellung in Wien zu bewundern war. Auch die Pflege des Choralgesangs hatte ein sehr hohes Niveau erreicht.

Diese hervorragenden künstlerischen und kulturellen Leistungen wurden von einer Chorherrengemeinschaft getragen, die auch am Vorabend der Reformation noch nicht ihre spirituelle Kraft verloren hatte. So notierte im Jahre 1483 der Dominikanerpater Felix Faber aus Augsburg in seinen Reiseerinnerungen anerkennend über Neustift: „Es besitzt eine große Kirche mit kostbaren Ornaten und eine gute Bücherei. Es sind dort gereifte und ehrerbietige Männer und ich glaube, dass ich nie einen genaueren und besseren Chorgesang als in diesem Kloster gehört habe.“

 

 

Neuzeit

 

Infolge der gesellschaftlichen und religiösen Umbrüche zu Beginn des 16. Jahrhunderts sollte diese Blütezeit aber ein rasches Ende finden. Im Mai 1525 wurde das Stift von den Bauern aus der Umgebung, angeführt von Michael Gaismair, geplündert und besetzt. Während die Gemeinschaft genügend wirtschaftliche Kraft hatte, die großen Schäden an Baulichkeiten und Ausstattung der Klosteranlage zu beseitigen, drohte das geistige Gebäude zu verfallen. Hatte das Kapitel um 1510 aus dreißig Chorherren bestanden, so sank die Anzahl der im Stift lebenden Priester in den 1560er Jahren auf sechs.

Erst unter Propst Jakob Fischer (1589–1621) wendete sich das Blatt allmählich zum Besseren. Sein Nachfolger Markus Hauser (1621–1665) legte mit der Gründung einer akademischen Hauslehranstalt das geistige Fundament für die barocke Umgestaltung des Stiftes. Um für die wachsende Gemeinschaft ausreichend Platz zu schaffen, erfolgte noch im 17. Jahrhundert die Modernisierung und Erweiterung des Klausurbereichs und der Gärten. Von 1735 bis 1744 folgte dann der völlige Umbau der mittelalterlichen Stiftskirche in ein lichtdurchflutetes „theatrum sacrum“ im Sinne des Spätbarocks, in dem die Liturgie einen Vorgeschmack auf das himmlische Hochzeitsmahl zu geben vermochte.

Den Abschluss bildete die Errichtung des neuen Bibliothekstraktes mit seinem prachtvollen Rokokosaal (1771–1778).

Den ambitionierten BaumaĂźnahmen entsprach eine groĂźe Chorherrengemeinschaft, die z. B. im Jahre 1780 53 Mitgliedern umfasste.

Während der drei Koalitionskriege gegen Frankreich (1792–1805) hatte das Stift immer wieder umfangreiche Einquartierungen von Truppen beider Kriegsparteien und drückende Abgaben zu erdulden. Als mit dem Frieden von Pressburg (1805) die Gefürstete Grafschaft Tirol an Bayern fiel, schienen die letzten Tage des Augustiner Chorherrenstiftes Neustift gekommen zu sein.

 

 

Säkularisation

 

Mit Dekret der bayerischen Landesregierung vom 17. September 1807 wurden alle sieben unter Joseph II. noch verschont gebliebenen Tiroler Stifte aufgehoben (Augustiner Chorherrenstift Gries, Neustift und St. Michael an der Etsch, Benediktinerstift Marienberg und St. Georgenberg-Fiecht, Zisterziensterstift Stams, Prämonstratenser Chorherrenstift Wilten). Nach der Anfertigung eines Inventars und der Schätzung des Stiftsvermögens begannen die Regierungskommissare mit dem Abtransport der wertvollsten Gegenstände und mit der Versteigerung der liegenden Güter und Klostereinrichtungen.

Ein Teil der Chorherren wurde in den Seelsorgedienst entlassen, die Professoren der Hauslehranstalt kamen in staatlichen Schulen unter und die alten Mitbrüder fanden in den Pfarrhäusern der Neustifter Seelsorgestellen ihre Aufnahme. Lediglich der Propst und der Dechant verblieben im Haus.

 

 

Wiedererrichtung

 

Nachdem Tirol wieder mit Österreich vereinigt worden war, wurden durch ein Edikt von Kaiser Franz I. am 12. Jänner 1816 die Stifte Marienberg, Neustift, Wilten und Stams wieder in ihre Rechte und Besitzungen eingesetzt.

Die Lage für das Chorherrenstift Neustift war äußerst schwierig, da ein Großteil der liegenden Güter verloren, die Stiftsgebäude schadhaft, Kirche und Kloster fast ohne Einrichtung und der Personalstand gering waren. Erschwerend kamen die Auflagen des Kaisers als Bedingung zur Wiedererrichtung des Stiftes hinzu: Die Gemeinschaft musste sich verpflichten, nicht nur die 18 Seelsorgestellen wieder zu besetzen, sondern auch für das k.k. Gymnasium in Brixen die Lehrkräfte zu stellen. Dies erwies sich vorerst aus den eigenen Reihen als unmöglich, denn in der Zeit der Aufhebung waren 13 Chorherren gestorben, andere wollten nicht mehr zurückkehren und es gab zunächst natürlich auch noch keinen „Nachwuchs“.

Erst ab dem Jahre 1844 wurde das Brixner Gymnasium dann vollständig von den Chorherren geführt. Dieses „Augustiner Gymnasium“ erfreute sich eines guten Rufes. Es wurde nach der Auflösung durch die Faschisten seit 1926 als private Schule in deutscher Sprache im Stift fortgesetzt, bis diese von den Südtiroler Anhängern des Nationalsozialismus 1943 geschlossen wurde. Nach dem Krieg wurde in Neustift die Schule und das Internat 1945 neu eröffnet. Eingerichtet wurde auch ein „Singknabeninstitut“, in dem junge Sänger neben einer guten Allgemeinbildung Unterricht in Gesang und Instrumentenspiel erhielten.

In wirtschaftlicher Hinsicht führte das Stift nach 1816 lange Zeit einen harten Existenzkampf. Erst unter Propst Ludwig Mair (1832–1851) besserte sich die Lage allmählich und war bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts so weit fortgeschritten, dass 1895/96 die erste umfassende Restaurierung der Stiftskirche durchgeführt werden konnte.

Während des Ersten Weltkrieges wurde das Stift immer wieder von Soldaten belegt. Mit Ausnahme der kleinen Sterbeglocke und der Feuerglocke musste das gesamte Neustifter Geläute abgegeben werden und konnte erst 1922 wieder erneuert werden.

Unheilvoller wirkte sich für Neustift der Zweite Weltkrieg aus. Nachdem die deutsche Wehrmacht in den Stiftsgebäuden militärische Magazine und eine Druckerei eingerichtet hatte, wurde Neustift am 23. März 1945 bei einem Bombenabwurf der Alliierten schwer getroffen: Die Nordseite der Stiftskirche, die Sakristei, der Turm und die Gnadenkapelle waren stark beschädigt. Die letzten Bombenschäden des Krieges wurden durch die Restaurierung im Jahre 1982 unter Propst Chrysostomus Giner (1969–2005) beseitigt.

Heute

 

Der Umsicht der Pröpste und der Chorherren ist es zu verdanken, dass das Stift bis zum heutigen Tag – dank eines gut funktionierenden wirtschaftlichen Klosterbetriebs – seine ursprünglichen Aufgaben wahrnehmen kann. Neben der schulischen Ausbildung genießt auch die persönliche und berufliche Aus- und Weiterbildung in Kloster Neustift einen hohen Stellenwert. Mit dem Ziel, sich an den Bedürfnissen der Zeit zu orientieren, gründete Propst Chrysostomus Giner 1970 ein Tourismuszentrum. Bald darauf kam ein Ökozentrum hinzu, das Fortbildungen im ökosozialen Bereich organisierte. Im Laufe der Jahrzehnte hat sich daraus ein Bildungshaus entwickelt, das heute jährlich knapp 1000 Veranstaltungen, Seminare, Lehrgänge und Kongresse zu verschiedensten Themen organisiert.

1971 wurde aufgrund von Lehrermangel die Einstellung des stiftseigenen Schulbetriebs beschlossen. Seither wird die Schule als Außenstelle der öffentlichen Mittelschule „Oswald von Wolkenstein“ in Brixen geführt. Weiterhin bestehen blieb das Schülerheim, das noch heute von etwa 90 Buben aus ganz Südtirol jährlich bewohnt wird.

Zu den Hauptaufgaben der Augustiner Chorherren gehören nach wie vor die Pflege der feierlichen Liturgie, das gemeinsame Chorgebet und vor allem die Tätigkeit in der Pfarrseelsorge. Heute sind die Augustiner Chorherren von Neustift in 25 Pfarreien in Süd- und Osttirol als Seelsorger tätig. Seit dem 19. Mai 2015 steht Eduard Fischnaller als Propst der Chorherrengemeinschaft vor.