Nicht nur Tinte und Tusche verleihen der Handschrift ihr fl√ľssiges Wesen. B√∂gen und Linien erzeugen im mehr oder weniger regelm√§√üigen Auf und Ab des Strichs einen Wellenverlauf, Schlingen und Rundungen bilden Str√∂mungen, kr√§useln sich zu Wirbeln
und ziehen uns hinein ins Wort oder ins Buchstabenbild. Schrift, wird sie mit der Hand geschrieben, flie√üt aus den Fingern, zieht ihren Faden √ľbers Papier, verbindet die Form mit Sinn, die Farbe mit Papier, die Feder mit dem Schreibenden. Eine physische Verbundenheit, die uns unsere wachsende und omnipr√§sente Vernetztheit nicht bieten kann.

Claudia Dzengel, in den neunziger Jahren an der HAWK Hildesheim ausgebildete Grafik- und Farbdesignerin, entdeckte gerade in der Phase des Schreibenlernens ihrer eigenen Kinder wieder ihre starke Verbindung zur Kalligrafie, der bereits w√§hrend ihrer Ausbildung bei den damals besten Lehrern dieses Fachs ein Schwerpunkt gegolten hatte. Die eigene Handschrift als wesentliches Instrument zur Entwicklung feinmotorischer F√§higkeiten, aber auch als Ausdruck der Individualit√§t √§hnlich dem Gang oder der Stimme war gerade dabei, an Terrain zu verlieren. Die Digitalisierung hatte in unser Leben Einzug gehalten und Kommunikation √ľber Schrift war vom H√§mmern der Finger auf immer flacheren Tastaturen oder einem eiligen Klopfen der Daumen auf Touchoberfl√§chen
√ľbernommen worden. Doch gerade diese partielle Verbannung der Handschrift aus unserem Alltag machte ihre Unersetzlichkeit erst so richtig sp√ľrbar.

Claudia Dzengel traf einen Nerv der Zeit, als sie in den 2000-er Jahren begann, Workshops zur experimentellen Kalligrafie anzubieten. Kinder und Jugendliche
entdecken ein zwang- und grenzenloses Spiel mit den 26 Zeichen des Alphabets, Erwachsene finden analoge Freiräume, reaktivieren ihre Feinmotorik oder
erleben Schrift als Vehikel f√ľr eine musikalisch-meditative Erfahrung der Entschleunigung. Lesbarkeit und formale Korrektheit stellt Claudia Dzengel dabei
in den Hintergrund; vielmehr stellt sie im Experimentieren jenseits von Norm und Regeln, im Fokus auf Duktus, Rhythmus und Intuition ein interessantes Naheverh√§ltnis zur Musik her. In individuellen Auftragsarbeiten wie auch in ihren Kursen entfalten sich alle Facetten der Kunst der Kalligrafin, die mit ihrer Arbeit vor Augen f√ľhrt, wie sie formale Korrektheit mit handwerklichem K√∂nnen und einer Portion (scheinbar unkalkulierter) Nonchalance optimal zu verbinden vermag.

Vom 11. bis 13. September 2020 f√ľhrt sie in der Kunstakademie in die Welt einer besonders alten und traditionsreichen Schrift ein ‚Äď in die Frakturschrift. Mit klassischen wie auch unkonventionellen Schreibger√§ten kann die Formenvielfalt und der Freiraum dieser gebrochenen Schrift erkundet werden. Historische Beispiele dazu liegen in der hauseigenen Klosterbibliothek vor, die im Rahmen des Workshops besucht werden kann.

Claudia Dzengel,
Farbdesignstudium an der HAWK Hildesheim mit dem Schwerpunkt Kalligrafie und Schrift im Raum, seit 1997 als selbständige Designerin und Kalligrafin in Wien tätig


(c) Eva Kelety

Seminar mit Claudia Dzengel:

Gebrochene Schriften – klassissch & abstrakt
Fr. 09.10.2020 – Sa. 08.05.2021